28.12.2025

Wenn Bestandsschutz nicht mehr gilt

Eine Sanierungsgeschichte über Betondeckung, Annahmen und unangenehme Wahrheiten

Michael van der Voorn

Geschäftsführer

28.12.2025

Wenn Bestandsschutz nicht mehr gilt

Eine Sanierungsgeschichte über Betondeckung, Annahmen und unangenehme Wahrheiten

Michael van der Voorn

Geschäftsführer

Bei MOA realisieren wir anspruchsvollen Rohbau dort, wo Entwurf, Technik und Ausführung zusammenfinden – präzise geplant und belastbar gebaut.

Sanierungsgeschichte über Betondeckung, Annahmen und unangenehme Wahrheiten

Wir sanieren und modernisieren aktuell ein Gemeindehaus mit Kindergarten in Hamburg-Harvestehude. Der Kindergarten ist ein typischer Nachkriegsbau, vermutlich aus den 1950er-Jahren — Stahlbetondecken aus Ortbeton, geschalt, mit nicht unerheblichen Spannweiten. Unter den Decken: Schilfmatten mit Kalk- oder Kalkzementputz. Eine Konstruktion, die man eher von Holzbalkendecken als von Stahlbetondecken kennt.

Der Auslöser: Brandschutz

Aus Brandschutzgründen strebte das Planungsteam eine Ertüchtigung der Deckenunterseiten an. Um die notwendige Klassifizierung zu untersuchen, sollten die Teilbereiche der Schilfmatten und des Putzes entfernt werden. Was dann zum Vorschein kam, war vor allem für den Auftraggeber unerfreulich.

Die Entdeckung

Die Schilfmatten lagen direkt auf der Deckenschalung. Die Bewehrungsmatten waren mit Draht direkt auf den Schilfmatten befestigt — und anschließend betoniert worden. Das Ergebnis: keine funktionierende Betondeckung, sichtbarer Rost an der Bewehrung und statische Annahmen, die praktisch nie umgesetzt worden waren. Spätestens hier war klar, dass das Thema nicht mehr nur brandschutztechnisch, sondern auch statisch relevant war.

Was tun, wenn Rückbau keine Option ist?

Ein Rückbau der Decken kam nicht infrage. Die einzige realistische Option war das vollständige Entfernen von Schilf und Putz, ein möglichst schonendes Entrosten der Bewehrung sowie die Wiederherstellung einer funktionierenden, statisch anrechenbaren Betondeckung. Unser Vorschlag: ein mineralischer Betonersatz mit einer neuen Mindestbetondeckung von 10 mm, was in Summe zu einem Auftrag von ca. 20–25 mm führte. Entscheidend war dabei, dass der neue Auftrag tragend anrechenbar sein musste — und das ist keine Selbstverständlichkeit.

Reparaturmörtel ist nicht gleich Konstruktionsmörtel

Wir arbeiten seit Jahren erfolgreich mit Produkten von Pagel Spezialbeton und prüften zunächst den RM20. Auf den ersten Blick schien alles zu passen. Erst im Austausch zwischen Tragwerksplaner und Hersteller wurde klar: RM20 ist ein Reparaturmörtel, CM20 ein Konstruktionsmörtel — und nur CM20 ist statisch anrechenbar. Dieser Unterschied ist in den Produktunterlagen nicht auf den ersten Blick ersichtlich, in der Praxis jedoch entscheidend. Zum Einsatz kamen schließlich CM20 als Konstruktionsmörtel sowie RM02-Haftschlämme, die gleichzeitig als zusätzlicher Korrosionsschutz dienten. Da sich die volle Schichtdicke nicht in einem Arbeitsgang aufbringen ließ, arbeiteten wir dank der schnellen Abbindung zweilagig mit kurzer Wartezeit.

Warum Betondeckung kein Schutzputz ist

Die Betondeckung erfüllt drei voneinander unabhängige Funktionen, die in der Praxis häufig nicht sauber getrennt werden. Die erste ist die Verbundsicherung. Die Bewehrung leitet ihre Zugkräfte kegelförmig in den Beton ein, wodurch Ringzugspannungen entstehen. Ist die Betondeckung zu gering, spaltet der Beton ab und der Verbund versagt — spröde und plötzlich. Für typische Deckenbewehrung gilt vereinfacht: Die Mindestbetondeckung entspricht etwa dem Stabdurchmesser, jedoch nicht weniger als 10 mm. Die zweite Funktion ist die Dauerhaftigkeit. Bei Innenbauteilen der Expositionsklasse XC1 verläuft die Karbonatisierung langsam, und normativ reicht ein Schutz von 10 mm aus. Die dritte Funktion ist das Vorhaltemaß — keine zusätzliche Schutzschicht, sondern eine statistische Absicherung gegen verrutschte Bewehrung und Ausführungsungenauigkeiten. Bei XC1 sind das typischerweise weitere 10 mm.

Für eine Decke mit 24 cm Stärke, Ø 10 mm Bewehrung und Expositionsklasse XC1 ergibt sich daraus: c_min = 10 mm (Verbund maßgebend), zuzüglich 10 mm Vorhaltemaß, also c_nom ≈ 20 mm. Das ist der Grund, warum in der Praxis für Innenräume meist eine Betondeckung von etwa 2,5 cm vorgesehen wird.

Ein häufiger Denkfehler verdient an dieser Stelle eine klare Richtigstellung: Betondeckung trägt nicht zusätzlich. Die statische Nutzhöhe reicht bis zur Bewehrungsachse. Eine zu große Betondeckung reduziert die Nutzhöhe und damit die Tragfähigkeit und Steifigkeit. Bei schlanken Decken kann zu viel Schutz statisch kontraproduktiv sein.

Lehre aus dem Projekt

Dieses Projekt zeigt exemplarisch, was bei Bestandsbauten regelmäßig unterschätzt wird. Viele Annahmen über den Bauzustand basieren auf ungeprüften Bauweisen, die jahrzehntelang beibehalten wurden — ohne jemals korrekt ausgeführt worden zu sein. Betondeckung ist kein kosmetisches Detail. Sanierung wird schnell statisch relevant. Und die Produktwahl allein reicht nicht: Entscheidend ist das Systemverständnis — ob die gewählte Maßnahme statisch anrechenbar ist, ob sie normativ sauber eingeordnet wird und ob man bereit ist, unangenehme Bestandsrealitäten anzunehmen. Genau dort beginnt anspruchsvolle Ausführung.


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